Christoph Fasel: Gefährliche Nähe. Als Journalist etwas bewegen – und sich bewahren

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht einer guten Sache. Dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“ Diese Sätze von TV-Reporter Hajo Friedrichs umreißen das Rollenverständnis eines professionellen
Journalisten.

Heute zu einem besonderen Anlass: Wir feiern den 20 Jahrgang des Österreichischen Journalisten-Kollegs – und freuen uns mit den Kollegen über das Erreichte. Ein guter Zeitpunkt, Fragen zustellen. Vor allem sich selbst. Und vor allem eine Frage, die jeden Journalisten betrifft: Wie weit darf
ich in meiner Profession gehen, ohne mich zu beschädigen. Oder, anders ausgedrückt: Wie nahe darf ich meinem Thema, wie nahe an die Personen kommen, um selbst heil zu bleiben? Klar ist: Es gibt immer wieder Situationen von gefährlicher Nähe, in die Journalisten aufgrund ihrer durch die Medien verliehenen Macht geraten. Diese Nähe reicht von ungewollter Kumpanei mit den Mächtigen über die Korruption durch gemeinsames Wissen und die Bedrohung durch zu viel Recherche-Ergebnisse bis hin zum Eintauchen in ein persönliches Schicksal, das sich eng mit dem eigenen verbindet.

Lassen Sie uns ein paar Blicke werfen auf die gefährliche Nähe. Und wie man sich als Journalist trotz dieser Gefahr bewegen - und dennoch bewahren kann.

Klar ist: Ohne Einsatz geht es nicht. Wahrheit verträgt nicht immer Distanz. Erkenntnis wächst in manchen Recherchen nur auf Tuchfühlung mit dem Geschehen. Der ins Archiv entsandte Sonderkorrespondent mag Fakten klauben – der Wahrheit des authentischen Geschehens, des genius loci, der Wahrheit des wirklich Dabeigewesenen wird er nie nahe kommen.

Es gibt so etwas wie die Wahrheit der Nähe. Und so etwas wie die Wahrheit der Empathie. Beides bedeutet Nähe und Annäherung. Distanz ist hilfreich, wenn auch nicht immer zielführend. Doch sollten Reporter nicht, wie es aus den Recherchen um Francos Tod berichtet wird, so weit gehen, Krankenschwestern zu beschlafen, um an Details aus der Krankenakte des moribunden Diktators zu gelangen.

Gefährliche Nähe. Die Frage ergibt sich ebenso: War Günther Wallraff zu nahe dran, als er sich im Jahre 1977 als Hans Esser bei der Bild-Redaktion in Hannover als Reporter anstellen ließ? Hatte er genügend Distanz, als er 1983 „Ganz unten“ in seinem gleichnamigen Buch als Underdog durch die deutsche Schattengesellschaft zog? Nein: Er war gezwungen, so zu agieren. Gezwungen durch sein Erkenntnis-Interesse, gezwungen durch seinen Plan, verborgene Vorgänge in unserem Mediensystem, alltägliche Diskriminierung in unserer Gesellschaft aufzudecken. Er war verdammt nahe dran. Als Student hatte ich die Gelegenheit, einige Jahre nach Wallraffs Bild-Zeit in Hannover
selbst als Bild-Reporter erste Schritte zu machen. Eine spannende Zeit. Ich fand eine durch den neuen Boss Klaus Wolfram umgekrempelte Atmosphäre vor, völlig anders als Wallraff sie beschrieben hatte und ich war erstaunt. Bis ich begriff: Wallraff hatte in seiner Nähe und unter einer anderen Chefredaktion offensichtlich wirklich eine andere Redaktion erlebt als die, in der ich nun stand.

Gefährliche Nähe: Wie man ihr mit Haut und Haaren erliegen kann, zeigt das Beispiel des STERN-Reporters Gerd Heidemann. Sein Schicksal und das der von ihm dem Magazin untergejubelten Hitler-Tagebücher ist hinlänglich beschrieben – und die Dietl-Verfilmung vermag die Absurditäten des Falles trotz aller Persiflage kaum noch zu steigern. Heidemann ist der Prototyp des Jägers, der durch sein Wild erlegt wird. „Ach, hört mir doch auf mit diesem Nazi-Fimmel!“ hat Henri Nannen noch ausgerufen, und sich dann um die anrollende Tagebuch-Nummer nicht mehr offensiv selbst gekümmert. Ein Fehler. Denn längst war Heidemann in seine Ideen vernarrt, in seine Jagd nach dem ultimativen Scoop dermaßen verbissen, dass er der Betriebsblindheit der gefährlichen Nähe erlag. Bis zum bitteren Ende.

Was zeigt uns dieses Beispiel? Liebe Kollegen – bitte lieben Sie Ihre Geschichten, aber verlieben Sie sich nicht in sie! Lassen Sie ihren Recherchen bitte die Freiheit, trotz aller Liebe durch Sie auch mal unter der Last der professionellen Recherche zusammenzubrechen – Ablage Papierkorb. Denn
Liebe macht blind. Nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen dem Reporter und seinem vermeintlichen Scoop.

Deshalb gilt: Halten Sie kritische Distanz. Auch wenn es schwer fällt. Glauben Sie niemandem. Vertrauen Sie keinem. Nicht einmal sich selbst. Die Fakten müssen sprechen und jedes sollte mindestens von zwei unabhängigen Quellen bestätigt werden können. Denn Journalismus heißt nicht glauben - sondern wissen. Sonst säßen wir in der Kirche und nicht in einer Redaktion.
 
Gefährliche Nähe: Wie schmeichelhaft, die Einladung von Herrn Staatssekretär zu seinem Empfang. Der Herr Minister bietet zum  Hintergrundgespräch bei Rotwein und Zigarre? Aber gerne! Und der Autokonzern stellt sein neustes Modell ausgerechnet in der afrikanischen Steppe vor – da ist man schon mal gerne ein paar Tage unterwegs, um eine unabhängige Recherche über die Vorzüge des neuen Modells vorzunehmen.

Nein, der Klüngel mit den Mächtigen bekommt Journalisten nicht. Sei es in Politik Wirtschaft, Sport, Gesellschaft – bitte halten Sie Abstand. Denn nur, wer die freundschaftliche Umarmung der Mächtigen meidet, besitzt die Chance, sie im Zweifelsfall kritisch in die Mangel zu nehmen. Unabhängigkeit ist ein kostbares Gut – behalten Sie es.

Denn Versuchungen kommen ganz bestimmt: Mir wurde im Rahmen einer Recherche zu einem Millionen-Betrüger in den neunziger Jahren einmal eine appetitliche Summe angeboten, wenn ich denn nur einfach eines tun würde – nämlich eine Recherche zu unterlassen. Ich habe mir das Angebot, unterbreitet von einem Vertreter freundlich angehört – und dann einfach weiter recherchiert. Bis ich die Geschichte rund hatte und drucken konnte.

Ja, Nähe kann gefährlich werden. Übrigens auch in einem umgekehrten Sinn: Bei der Recherche auf den Spuren eines selbsternannten Wunderheilers musste ich den Schutz der Rolle suchen, weil die Zielperson als gewalttätig gegenüber Journalisten bekannt war. Ausstaffiert mit gefälschten Kranken-Gutachten und einer in indische Gewänder gehüllten und sich als wundergläubige Tante gerierenden Fotografin begab ich mich in die Höhle des Löwen – und kam auch unbeschadet wieder heraus. Der Wunderheiler konnte aufgrund der Berichterstattung vor Gericht gestellt und verurteilt werden.

Gefährliche Nähe kann unverhofft auftretend, wenn Sie als Reporter plötzlich mehr wissen als Sie vielleicht nach Meinung anderer wissen sollten. So wurde mir bei meiner Mitarbeit in der Recherche im Falle Barschel ab einem bestimmten Zeitpunkt von dritter Seite bedeutet, ich möge mich doch bitte von jetzt ab aus dem Verfahren heraushalten: Man wisse wo ich wohne, wie meine Frau aussehe, wo meine Kinder zur Schule gehen. Ich schrieb daraufhin an mein STERN-Ressort eine Hausmitteilung unter dem Betreff: „Vorzeitiges Ableben“. Man muss nicht alles ausprobieren, wenn man Familie hat.

„Nur was uns ergreift, das können wir begreifen!“ schrieb einst der  Germanist Emil Staiger. Und es stimmt: Es gibt eine Nähe, ohne die wir bestimmte Recherchen und Situationen nicht meistern können. Und die entsteht, während sie einfach handeln. Nicht als Reporter. Sondern einfach als Mensch.

Zum Beispiel, wenn Sie während einer Recherche auf einer Brücke eine junge Frau finden, die sich in den Kopf gesetzt hat, von dort oben zu springen. Ich konnte ihr das ausreden. Noch lange Jahre später erhielt ich stets an diesem Datum eine Postkarte von Ihr. Darauf stand nur ein Wort: „Danke!“

Und manchmal beenden Sie eine Recherche und haben echte Freunde fürs Leben gewonnen – und ein Patenkind. So geschehen bei Recherchen in Addis Abeba anlässlich einer staatlichen Auslandadoption. Die Eltern, Monika und Florian Hilmer, hatten sich ein Kind zuteilen lassen, unabhängig von Gesundheitszustand oder Aussehen, einfach nur dasjenige Kind, das laut
Adoptionsstelle jetzt dran war.

Es war das Baby Woudassie, ein Mädchen. Niemand wusste, wer Ihre Eltern waren. Niemand wusste, wie alt sie war. Und noch wussten wir alle nicht, wie krank sie wirklich war. Im Flugzeug zurück nach Deutschland fragte ich ihre Adoptiv-Mutter, die das kranke Baby im Arm hielt, was sein würde, wenn Woudassie so krank sei, dass sie vielleicht nicht überlebe. Monika sprach den
prophetischen Satz: „Dann hat sie wenigstens einmal in ihrem Leben einen Menschen gehabt, der ganz für sie da war!“

Vier Monate später war Woudassie tot. Ich stand mit den Eltern am Grab. Vor dieser Nähe hatte ich keine Angst. Und auch nicht vor meinen Tränen.

Gefährliche Nähe: Ja und Nein. Mit Nähe werden Sie immer umgehen müssen. Denn ohne Nähe wären Sie keine guten Journalisten. Deshalb das Fazit: Fühlen Sie Ihr heißes Herz. Behalten Sie dabei Ihren kühlen Kopf. Und lassen Sie stets Ihr Handwerk im Blick. Dann werden sie die Welt bewegen – und dennoch sich bewahren.


Christoph Fasel ist Journalist, Autor und Wissenschaftler.
Der studierte Germanist besuchte die Henri-Nannen-Schule in Hamburg und arbeitete danach für die Bild-Zeitung, Eltern und das Magazin stern. Er war Chefredakteur des Readers Digest, leitete die Henri-Nannen-Schule und wurde Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Medien in Calw (Baden-Württemberg). Fasel ist Autor journalistischer Bücher und des Bestsellers „Samuel Koch – zwei Leben“ und Referent am Kuratorium für Journalistenausbildung.

Medientraining, 16.-17.10.2017, KfJ.Wien

Mehr Sicherheit bei Interviews und Pressekonferenzen – trainiert wird vom Statement bis zum Aggressiv-Interview, u.a. im Scheinwerferlicht eines professionellen TV-Studios. Mit Fern-Coaching durch den Referenten nach Abschluss des Workshops.


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