Herbert Knurs Gedanken zur gesellschaftlichen Bedeutung von Lokaljournalisten

Ich freue mich, dass ich heute in nachbarschaftlicher Verbundenheit von der Isar zur Salzach, von der Akademie der Bayerischen Presse in München zum Kuratorium für Journalistenausbildung in Salzburg ein paar Gedanken zur Bedeutung von Lokaljournalisten in unserer Gesellschaft ausbreiten darf. Was kann nun dieser Typ aus der Großstadt München, der Sie alle davon abhält, etwas Sinnvolleres zu tun als zuzuhören, über Lokaljournalismus und seine Bedeutung für die Gesellschaft erzählen?

Ich habe für meinen Vortrag keinen wissenschaftlichen Ansatz gewählt. Ich habe Lokalredaktionen und Lokaljournalisten durch viele Schlüssellöcher und Fenster beobachten können. Von meinen Erfahrungen und meiner Wertschätzung, will ich versuchen, Ihnen meine Einschätzung der gesellschaftlichen Bedeutung von Lokaljournalisten zu vermitteln.

Vielleicht sollte ich zu Beginn ein paar Sätze über mich sagen, weil daraus meine Affinität zum Lokalen deutlich werden kann.

Ich habe meine ersten journalistischen Erfahrungen Anfang der siebziger Jahre als Mitarbeiter der Stabsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Münchner Verkehrs- und Tarifverbund gemacht. 1972 fanden die olympischen Sommerspiele in München statt. München war damals noch tiefe Provinz, auch was den Nahverkehr anbetraf. Es gab mehrere Verkehrsunternehmer, die ihre eigenen Konzessionen hatten, die mit eigenen Fahrzeugen eigene Strecken bedienten und natürlich einen eigenen Fahrpreis einkassierten. Völlig unkoordiniert. Mit der Inbetriebnahme von U- und S-Bahn drohte das Chaos. Der MVV hatte die Aufgabe, Verkehrsunternehmer, Fahrpläne und Tarife aufeinander abzustimmen. Und ich hatte zusammen mit Kollegen die Aufgabe, der Öffentlichkeit als notwendig zu verkaufen, dass höhere Tarife bezahlt werden mussten, weil man mehr Nahverkehrsmittel nutzen konnte – ob man sie brauchte oder nicht. Und dies in einer Zeit, als Viele von den 68er Protesten angehaucht noch meinten, die öffentlichen Verkehrsmittel müssten unentgeltlich zur Verfügung stehen. Damals konnte ich erstmals erfahren, wie wichtig die Aufgabe von Journalisten ist, die so berichten sollten, dass die Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel das Neue verstehen und vielleicht auch akzeptieren konnten. Ich konnte erahnen, wie schwierig Lokaljournalismus ist, wenn über etwas berichtet werden musste, das Journalisten selbst nicht verstanden haben. Oder aus ideologischen Gründen ablehnten. Der MVV und die Fahrgäste waren aber auf die Presse angewiesen. Wir hätten noch so viele Prospekte verteilen können, wir hätten nie den Informationsgrad erreichen können, wie wir ihn mit der Berichterstattung in der Lokalpresse erreichen konnten. Selbst dann, wenn kritisch oder feindselig über das neue Verkehrs- und Tarifmodell berichtet worden ist.

Nachdem der Verbundverkehr im Mai 1972 erfolgreich angelaufen ist, habe ich mich aufs Land zurückgezogen. Ich wohnte und wohne in einem Dorf in der Nähe des Münchner Flughafens im Erdinger Moos. Ich habe mich dort von Anfang an in das gemeindliche Leben eingebracht, vor allem im Sport und im kirchlichen Dienst. Der Chef einer Lokalzeitung ist auf mich aufmerksam geworden und hat mich als freien Mitarbeiter angeworben. Ich berichtete also fortan über Gemeinderatssitzungen, über Sportveranstaltungen, über Geburten und Todesfälle.

Es kam immer wieder vor, dass Bürgermeister und Gemeinderäte, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Nachbarn, Sportkameraden mit meinen Wahrnehmungen und der journalistischen Aufbereitung nicht zufrieden waren. Ich merkte, wie schwierig es ist, über eine vierstündige Gemeinderatssitzung in sechzig Zeilen angemessen zu berichten. Zuweilen hat man mich die Abneigung auch spüren lassen.

Schließlich war es mir zu fad, über die Ereignisse nur zu berichten. Ich wollte sie mit gestalten. Ich habe 1978 für den Gemeinderat kandidiert. Völlig überraschend und erstmals in der Geschichte des Dorfes hat es ein „Zuagroaster“ auf Anhieb geschafft. Wer im Gemeinderat sitzt, kann natürlich nicht mehr für die Lokalzeitung arbeiten. Aus dem Subjekt ist ein Objekt geworden.

Mein beruflicher Weg hat mich in dieser Zeit schließlich an ein Landratsamt geführt. Ich war Geschäftsleiter, wie man bei uns sagt. Der Behördenleiter, der Landrat also, war der Meinung, er bräuchte einen Pressesprecher. Erwischt hat es mich. Es kam bald darauf ein neuer Landrat, ein junger, politisch sehr ambitionierter. Er hat viel Zeit damit verbracht, die „Außenpolitik“ zu gestalten. Dies hat dazu geführt, dass er später bayerischer Kultus- und Wissenschaftsminister und zeitweise auch stellvertretender Ministerpräsident wurde. Ich hatte das Vergnügen, dass ich nahezu rund um die Uhr als Ansprechpartner für die Lokaljournalisten zur Verfügung stand. Handy gab es noch nicht. Ich musste oder durfte also nicht selten Auskünfte erteilen, bei denen ich die Position des Chefs nur vermuten konnte. Und ich musste immer wieder entscheiden, ob ich das Risiko eingehen sollte, die Position der Behörde zu äußern, ohne mich mit dem Behördenleiter abgestimmt zu haben. Der Vorteil einer schnellen Auskunft war (und ist sicher noch), Einfluss auf die Berichterstattung nehmen zu können. Es kam für mich nur sehr selten in Frage, die Bitten auf Auskunft nicht zu erfüllen, damit ich mich rückversichern konnte. Das war riskant. Sie können sich vorstellen, wie der Adrenalinspiegel beim Blick in die Zeitung nach oben ging, wenn ich feststellen musste, dass Aussagen nach meiner Überzeugung falsch, verkürzt oder aus dem Zusammenhang gerissen wiedergegeben wurden. Der nächste Adrenalinstoß drohte, wenn der Chef zum Rapport rief, weil er mit meinen Auskünften oder Beurteilungen nicht übereinstimmte. Diese Zeit hat mich geprägt, ich habe mich viel geärgert, aber ich habe viel über Lokaljournalismus und die Aufgaben und Nöte von Lokaljournalisten gelernt.

Heute stehe ich vor Ihnen als einer, der das operative Geschäft der Akademie der Bayerischen Presse, beginnend im Jahr 1988, auf- und ausgebaut hat. Annähernd 21.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt es bis heute und darunter viele Volontäre und Redakteure von Lokalzeitungen. Ich kümmere mich als Chef der ABP tagsüber dabei auch um die Weiterbildung von Lokaljournalisten.

Um an den Abenden und Wochenenden dann wieder zum Objekt von Lokaljournalisten zu werden. Aus dem aufmüpfigen Gemeinderat von 1978 ist 1990 der ehrenamtliche Bürgermeister seiner Heimatgemeinde geworden.
Lassen Sie mich jetzt ganz schnell zum Thema kommen. Und vorweg die Frage beantworten, warum ich mir gerade die Lokaljournalisten und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft ausgesucht habe.

Ich führe viele Gespräche an unserer Akademie, und oft habe ich den Eindruck, dass sich Volontäre oder Redakteure entschuldigen wollen, weil sie im Lokalen arbeiten. Nach Abitur und jahrelangem Studium erwarten sich halt viele Journalisten, dass sie für etwas vermeintlich Anspruchsvolleres gebraucht werden, als für den Lokaljournalismus. Dem setze ich entgegen, dass im Zeitungsbereich zwischen 80 und 85 Prozent der Leserinnen und Leser von Tageszeitungen in erster Linie den Lokalteil nutzen und sich allein deshalb die Zeitung halten. Dies ist ein gewaltiges Potenzial.

Lokaljournalismus ist kein minderwertiger Journalismus, Lokaljournalismus ist Premiumjournalismus. Lokaljournalisten werden als Ratgeber wahrgenommen, ihnen glaubt man – häufig mehr als dem Bürgermeister. Man glaubt ihnen deshalb, weil ihre Arbeit überprüfbar ist. Wenn eine Zeitung über den Missbrauch von Kindern in Thailand berichtet, ist dies weit weg. Die Leser sind kurz empört, regen sich über die schlechte Welt auf und gehen zur Tagesordnung über. Manch einer ist vielleicht dankbar, dass es Journalisten gibt, die Missstände aufzeigen. Nur wenige Leser werden sich aber für Details interessieren und noch weniger werden sich Gedanken darüber machen, ob das, worüber berichtet wird, auch wahr ist. Oder sich gar die Mühe machen, das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Wenn dagegen über den Missbrauch von Kindern in einem Dorf berichtet wird, wie jüngst in unserem Land geschehen, dann ist Feuer am Dach. Der dörfliche Friede ist empfindlich gestört. Journalisten werden nicht als Aufklärer gefeiert. Sie werden als Nestbeschmutzer diffamiert. Man ist gar nicht mehr dankbar, dass sie das Thema aufgegriffen haben, der Großteil der Bevölkerung wünscht sie zum Teufel. Die Folge: Recherche ist viel schwieriger. Sie funktioniert nicht anonym. Sie muss korrekt sein, nicht nur bei sensiblen Themen. Lokaljournalisten wissen, dass ihre Beiträge sofort auf Wahrheitsgehalt oder Wahrscheinlichkeit überprüft werden. Leisten sie sich einen Fehler, sehen sie sich massiver Kritik ausgesetzt. Nicht selten ruft der Bürgermeister oder Landrat beim Verleger an und verlangt die Abberufung des unbotmäßigen Journalisten.

Bernhard Vogel, der Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und später von Thüringen, hat in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 25jährigen Jubiläum des Deutschen Lokaljournalistenpreises ein hohes Lied auf den Lokaljournalismus gesungen. Ich darf zitieren:
„Die deutschen Lokalredaktionen haben viele Debatten aufgegriffen und weitergeführt. Die guten Lokalredaktionen weichen den Themen nicht aus, die diesem Land Kummer bereiten – von den Schulproblemen der Migrantenkinder bis hin zu den Nöten einer kinderarmen Gesellschaft. Sie arbeiten Probleme lokal auf, die der Nation bekannt sind. Sie legen die Finger dort in die Wunden, wo es weh tut. Sie machen abstrakte Debatten konkret.“

Damit auch das andere politische Spektrum zu Wort kommt, zum gleichen Thema ein Bekenntnis von Bodo Hombach, einem der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, anlässlich eines Festvortrages vor Absolventen einer Fachhochschule. Bodo Hombach bezeichnete dabei den Lokaljournalismus als „Krönung des Journalismus“.

Wenn es meiner These, Lokaljournalismus ist Premiumjournalismus, noch einer Begründung bedarf, Bernhard Vogel und Bodo Hombach haben sie geliefert. Ich hoffe nur, dass die Ministerpräsidenten, Landräte, Bürgermeister und andere Politiker das hohe Lied auf den Lokaljournalismus auch mitsingen, wenn die journalistische Arbeit zu anderen Ergebnissen führt, als Politiker sie gern publiziert sähen. Der Respekt vor der Arbeit von Journalisten und ihrer Arbeit sollte es verbieten, die Abberufung zu verlangen, nur weil sie Entscheidungen der Politik hinterfragen oder kritisieren. Dies ist die verfassungsmäßige Aufgabe von Journalisten.

Journalistische Arbeit ist aber nicht sakrosankt. Auch sie ist der Kritik zugänglich. Weil Journalisten das wissen, müssen sie sich darauf einstellen. Sie müssen versuchen, der Kritik den Boden zu entziehen, indem sie möglichst perfekt arbeiten. Wie das funktioniert, will ich in vier Thesen zusammenfassen:
 
These 1
Journalisten müssen sich um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz bemühen!

Ein Journalist, der sich zum Kumpel macht oder machen lässt, muss sich nicht wundern, wenn seine Berichte, seine Kommentare, seine Befunde von einem Teil der Leserschaft nicht angenommen werden. Eine fundierte, unbestechliche Recherche wird unter Kumpeln nicht möglich sein.
Wer andererseits eine zu große Distanz entwickelt, erfährt nichts. Ich kenne einige Bürgermeisterkollegen, die mit der Presse nichts zu tun haben wollen. „Denen sage ich nichts mehr, die schreiben doch nur was sie wollen!“ höre ich von ihnen. „Denen musst du alles aus der Nase kitzeln. Die wollen immer nur gut dastehen und sagen nur die halbe Wahrheit oder unterdrücken wichtige Informationen“, höre ich von Journalisten. Hier fehlt es offenkundig an Nähe und fehlender Kommunikation. In Bayern haben sich der Bayerische Gemeindetag und die Akademie der Bayerischen Presse mit Journalisten und Bürgermeistern zusammengesetzt, um einen Leitfaden „Gemeinde und Presse – wie gehen wir miteinander um?“ zu entwickeln. Kumpanei auf der einen Seite und Sprachlosigkeit auf der anderen werden dort nicht empfohlen.
Hans Pirthauer, heute Chefredakteur bei der Frankenpost in Hof und langjähriger Dozent an unserer Akademie, ist einmal in einer Sendung in BR alpha, dem Bildungskanal des Bayerischen Rundfunks, gefragt worden, ob nicht die Gefahr bestehe, dass sich über Jahre hinweg ein Vertrauensverhältnis zwischen den Journalisten und dem Oberbürgermeister entwickelt, so dass man sagen könnte, der Chefredakteur einer Lokalzeitung sei der heimliche Oberbürgermeister, der mit den Kommunalpolitikern das Ganze mehr oder weniger auskartet.
Seine Antwort: „Ein Vertrauensverhältnis ist nichts Schlechtes, sondern es ist sinnvoll, weil sich der Politiker darauf verlassen können muss, dass er bestimmte Informationen geben kann, die nicht verwendet werden, und dass ehrlich und vernünftig berichtet wird. Die Frage ist, ob dieses Vertrauensverhältnis dazu führt, dass der einzelne Journalist durch die Nähe korrumpiert wird, dass er sich mit zu der politischen Elite zählt und seine eigentliche Rolle vergisst, nämlich Nachrichten zu verbreiten, ob sie nun schlecht oder gut sind.....“

These 2
Journalisten sind nicht die besseren Politiker!

Die Versuchung ist groß, es als Journalist den Politikern zeigen zu wollen. Aber hier ist Selbstdisziplin gefragt. Journalisten haben die Aufgabe, Sachverhalte öffentlich zu machen, deren Kenntnis für die Gesellschaft von allgemeiner, politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Bedeutung ist. Zu diesem Zweck sammeln und prüfen sie Informationen, sie wählen aus, sie bearbeiten sie und sie bereiten sie im Rahmen der anerkannten journalistischen Darstellungsformen und in Kenntnis der Grundsätze journalistischer Ethik auf. Ein Journalist kann damit Politik beeinflussen. Ersetzen kann und darf er sie nicht. Wer als Journalist mit diesem Los nicht einverstanden ist, soll sich um ein politisches Mandat bewerben.
Journalisten sind keine Politiker!
 
These 3
Wenn Lokaljournalisten Premiumjournalisten sind, müssen auch ihre Produkte Premium-Ansprüchen genügen!

Lange Zeit haben die Entscheider in den Verlagen und Redaktionen die Auffassung vertreten, der Beruf des Journalisten sei ein Begabungsberuf. Wir wissen längst, dass Begabung nicht unwichtig ist. Sie aber als einziges Kriterium zu gewichten wäre grob fahrlässig. Den Beruf des Journalisten kann man lernen, man muss ihn auch lernen. Der beste Lehrmeister ist die Praxis. Um aber für die freie Wildbahn gerüstet zu sein, bedarf es der Grundlagen, die auch vom österreichischen Journalisten-Kolleg seit 15 Jahren kompetent und effektiv vermittelt werden.
Was macht aber einen guten Journalisten aus? Ich zitiere hierzu Werner Friedmann, den Begründer der Deutschen Journalisten-Schule in München. Werner Friedmann Mitverleger der Süddeutschen Zeitung und Herausgeber sowie Chefredakteur der Münchner Abendzeitung schrieb in der ersten Nummer des „Praktischen Journalismus“, dem früheren offiziellen Organ der Deutschen Journalisten-Schule:
„Das Wort, dass man zum Journalisten geboren sein müsse, ist nicht ganz richtig. Viele erfolgreiche Journalisten schienen, als sie die Schulbank verließen, zu allem anderen geboren als zum Zeitungsmann. Sicher ist, dass man zum Journalisten begabt sein muss, wenn man es in diesem so vielseitigen Beruf über das dürftige Mittelmaß hinaus bringen will. Man braucht nicht nur eine, sondern gleich drei Gaben: richtig sehen, richtig hören und richtig schreiben können. Beim Sehen gilt es, unbefangen und unvoreingenommen zu sein und das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Beim Hören kommt es darauf an, aus einem Redeschwall den entscheidenden Satz herauszufinden und gegebenenfalls durch knappe und geschickte Fragen zu erfahren, was man erkunden soll. Beim Schreiben endlich trachtet der echte Journalist nach der knappen, allgemeinverständlichen Form; das eigene Wort hinter die Tatsachen, die geschildert werden, zurücktreten lassend. Wer diese Begabung hat, der wird alles andere – die Technik der Berichterstattung, der Reportage und des Interviews, die Kunst des Redigierens .... lernen können.“
Wer jetzt über manche tatsächliche oder vermeintliche sprachliche Verstaubtheit lächelt, dem sei gesagt, dass dieses Zitat aus dem Jahr 1954 stammt. Ich finde, dass der Inhalt auch nach 53 Jahren noch bemerkenswert jung klingt.

Noch eine Anmerkung zum Thema Qualität: Bernhard Ücker, langjähriger Berichterstatter aus dem Bayerischen Landtag, formulierte es bei einer Laudatio für einen Kollegen so: „Dieser Kollege besitzt ein umfassendes und trotzdem stets lernbereites Wissen – er hat beim Formulieren seiner zahllosen Berichte die persönliche Meinung total ausgeschaltet – er schrieb nichts, was er nur ahnte oder nur zu wissen glaubte, sondern ausschließlich, was er peinlich genau wusste – er übte als Nachrichtenmann die Demut der Anonymität – er wahrte die Freiheit des eigenen Urteils durch sein Ablehnen jeglicher Fraternisierung mit einer Partei – und alles zusammen war die sichere Grundlage für Kommentare ohne Dementi, war das Fundament seines ringsum unbestrittenen Ansehens, weil diese Überlegenheit auf Überlegung beruhte. Er ist der Maßstab für hochwertigen Journalismus, und eben daran möchte ich die heutige Lage unserer Profession messen.“
Noch etwas will ich in diesem Zusammenhang Lokaljournalisten ins Stammbuch schreiben: Labersäcke gibt es genügend. Verschonen Sie Ihre Klientel mit schwülstiger Breite in den Formulierungen. Halten Sie es mit Thomas Jefferson, der Anfang des 19. Jahrhunderts dritter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika war und sagte: „Das wertvollste aller Talente besteht darin, niemals zwei Wörter zu benutzen, wenn eines ausreicht.“
 
These 4
Lokaljournalisten haben Zukunft, aber sie müssen sich dem Wandel stellen!

Ein Zyniker hat einmal gesagt, Journalisten wollen, dass sich alles ändert, nur sie selbst wollen sich nicht ändern.
Lokaljournalisten sind Chronisten, sie sind Ratgeber, sie sind Beobachter, sie sind Mahner, sie können auch Weichensteller sein, sie geben Orientierung. Mit dieser Aufgabenfülle werden sie auch in Zukunft unverzichtbar sein. An den Grundlagen journalistischen Arbeitens, dem Beschaffen, Sortieren, Bewerten und der Wiedergabe von Informationen wird sich auch in Zukunft nichts Wesentliches ändern. Es wird sich allerdings die Geschwindigkeit ändern und es werden sich die Darstellungsformen und die Verbreitungswege ändern. Ich will jetzt nicht über die Zukunft von Journalismus reden. Vor allem nicht über den abartigen Versuch eines Verlegers in Pasadena, Kalifornien, der für die Berichterstattung über die Stadtratssitzungen einen Journalisten mit Sitz in Indien engagiert hat. Die Stadtratssitzungen werden über das Internet übertragen, der Niedriglohnjournalist, so steht es in der Meldung, wird sich über das Netz in die Sitzungen einklinken, anschließend darüber berichten – und dem Verleger Geld sparen helfen. So weit reicht meine Vorstellungskraft über den Zwang zum Wandel in unseren Breitengraden nicht.
Ich will dennoch ein Bekenntnis zur Notwendigkeit ablegen, dass sich auch Journalisten wandeln müssen. Sie müssen und dürfen sich nicht anpassen in ihrer Wächterfunktion. Sie müssen sich anpassen bei den Verbreitungsmedien und in den Darstellungsformen. Es wird auf Dauer nicht mehr möglich sein, dass sich der Berichterstatter aus der Gemeinderatssitzung aufs Schreiben beschränkt. Er wird fotografieren müssen – die meisten Lokaljournalisten machen das heute schon – und er wird lernen müssen, seine Beiträge multimedial aufzubereiten. Auch für Lokaljournalisten wird ein Aufnahmegerät unverzichtbar sein, um O-Töne einzufangen. Diese O-Töne können in der lokalen Radiostation oder über das Internet verbreitet werden. Gut schreiben zu können allein wird also nicht mehr reichen. Die grundlegenden Anforderungen an Premiumjournalismus bleiben aber, egal, für welches Medium sie arbeiten. Lassen Sie mich das noch einmal mit Worten von Werner Friedmann sagen: „Zwei Tugenden lassen sich weder durch bloße Begabung noch durch journalistische Lehrgänge ersetzen: Erstens eine möglichst breite und fundierte Wissensgrundlage, denn nur ein universell gebildeter Mensch wird auch einem schwierigen Thema gewachsen sein und jene geistige Autorität erlangen, die der aufmerksame Leser zu spüren wünscht. Und zweitens eine leidenschaftliche Neigung zu diesem Beruf, eine nie verlöschende innere Flamme der Begeisterung. Denn nur, wer von der Wichtigkeit seiner eigenen Aufgabe überzeugt ist, wird auch den Leser überzeugen. Nur der wird immer verantwortungsbewusst handeln und allen Anfechtungen widerstehend nichts als die reine Wahrheit zu ermitteln suchen.“

Wer dies alles als Lokaljournalist verinnerlicht, wird mir zustimmen, Lokaljournalismus ist Premiumjournalismus.

Ich wünsche Ihnen, die Sie heute Ihre Zeugnisse bekommen und auf die Leser-, Hörer- und Seherschaft losgelassen werden, dass Sie sich Ihrer Aufgabe selbstbewusst stellen. Sollten Sie im Ausland oder als Moderator in Hörfunk oder Fernsehen oder als Redakteurin oder Redakteur bei einer Fachzeitschrift eingesetzt werden, wünsche ich Ihnen Erfolg.
Sollten Sie im Lokalen eingesetzt werden, beglückwünsche ich Sie. Sie haben die Chance, als Journalist das breite Spektrum unseres Lebens im unmittelbaren Lebensumfeld zu begleiten, sei es in der Kultur, in der Lokalpolitik, bei Umweltthemen, in der Vereinsarbeit, im Sport oder zu Gericht. Sie können die Schwerpunkte setzen. Seien Sie standhaft und unbestechlich, damit es nicht dazu kommt, wie es vor drei Jahren in einer Einladung zu einer Veranstaltung zum Thema „Das große Schweigen: - Korruption und die Rolle des Lokaljournalisten“ hieß. Ich darf zitieren: „Im lokalen Bereich schweigen Lokaljournalisten nicht selten zu offensichtlichen Korruptionsfällen und verzichten sogar auf Recherche bei begründetem Verdacht. Niemand traut sich, etwas öffentlich zu machen oder der Staatsanwaltschaft Tipps zu geben. Im lokalen Bereich ist das Beziehungsgeflecht der Eliten enger, jeder kennt jeden, und oft gibt es intime Verbindungen zwischen der Spitze der örtlichen Zeitung, der Politik und den Unternehmen, die unter Korruptionsverdacht stehen. Welcher Lokaljournalist traut sich hier noch zu recherchieren und nachzuhaken, wenn er fürchten muss, dass ihn dies seinen Job kosten kann?“
Wenn ich auch die Analyse in dieser pauschalen Form für überzogen halte, völlig abwegig ist sie nicht. Deshalb will ich Sie ermuntern: Sind Sie es, der sich zu recherchieren traut, der nachhakt, wenn man Sie wortreich ins Niemandsland der Recherche führen möchte. Machen Sie sich nicht gemein mit den Mächtigen. Dies wäre gewiss manchmal bequemer, aber es ist ein Verrat an den Grundsätzen unseres Berufs, es ist ein Verrat an dem, was Sie jetzt gelernt haben und es ist letztlich ein Verrat an unserer Demokratie. Unsere Verfassungen garantieren Journalisten nicht Freiheiten und Schutz bei der Ausübung ihres Berufes, wie ihn nur wenige andere Berufe kennen, damit sie es sich bequem machen können. Journalisten müssen unbequem sein. Sie müssen ihre Aufgabe darin sehen, das Gras zu mähen, das über etwas zu wachsen droht, wie Alfred Polgar es formuliert hat. Bequem ist das häufig nicht, aber im Dienst unseres Gemeinwesens unverzichtbar.

Lassen Sie mich schließen mit Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden und Vorstand Zeitungen der Axel Springer AG, der in einem Essay guten Journalismus mit einem Gospel verglich. Er schreibt: „Eine bessere Metapher für guten Journalismus als Gospel kann ich mir kaum vorstellen. Gospel ist Bewegung, Gospel ist Geist und Gospel ist Seele. Guter Gospel bewegt die ganze Gemeinde. Und bewegen wollen wir doch. Guter Journalismus bewegt. Bei allem, was sich ändert – das bleibt.“
Bewegen Sie etwas - mit journalistischer Qualität - bewegen Sie sich mit, aber erarbeiten Sie sich vorher einen sicheren Stand, damit Sie nicht schwindelig werden und den Überblick verlieren! Wir brauchen Sie als Wächter unserer Demokratie, in der Welt, aber auch vor der Haustür, im Lokalen. Und glauben Sie daran, Lokaljournalismus ist Premiumjournalismus.


Herbert Knur war von 1991 bis 2011 Akademiedirektor der Akademie der bayerischen Presse in München, Bürgermeister seiner bayerischen Heimatgemeinde Berglern und CSU-Fraktionssprecher im Kreistag. Anfang 2011 wurde er mit dem Johann-Georg-August-Wirth-Preis von der Akademie für Neue Medien in Kulmbach für seine Verdienste um die Aus-, Fort und Weiterbildung des publizistischen Nachwuchses ausgezeichnet.

Storytelling, 19.-20.4.2017, KfJ.Wien

Wie mache ich mein Thema spannend und lebendig? Auch das wiederkehrende, vermeintlich trockene Thema? Da hilft das Werkzeug des Storytelling.

 


Fotografie Basisworkshop, 24.-25.4.2017, KfJ.Wien

Was ein funktionierendes Pressefoto ausmacht, zeigt die mehrfach ausgezeichnete APA-Fotografin Barbara Gindl in diesem Workshop. Sie gibt Tipps, wie aussagekräftige Bilder ohne großen technischen Aufwand gelingen.


Titel, Vorspann, Bildtext, 25.-26.4.2017, Salzburg

Ein guter Titel, eine packende Bildunterschrift - von den kleinen Texten hängt es ab, ob sich Leser einem Text widmen. Referent Steffen Sommer zeigt in diesem Workshop, was einen gelungenen Einstieg in die Geschichte auszeichnet.