Die Beziehung zwischen dem italienischen
Journalistenverband FNSI und dem italienischen Ministerpräsidenten
Silvio Berlusconi ist angespannt. „Der Druck auf die Journalisten
ist unerträglich geworden“, sagte der FNSI-Präsident,
Paolo Serventi. Berlusconi beschuldigte den öffentlich-rechtlichen
Sender „RAI 3“, ihm politisch schaden zu wollen. Ein
Bericht über den Korruptionsprozess, bei dem der Regierungschef
wegen Richterbestechung auf der Anklagebank sitzt, hatte bei Berlusconi
für Entrüstung gesorgt. Der Ministerpräsident sagte,
dass gegen ihn eine "rechtliche Verfolgungsaktion ohne Gleichen"
im Gange sei. Er schloss jedoch aus, dass es zum Sturz seiner Mitte-Rechts-Regierung
kommen werde. „Die Koalition ist stark", so der Ministerpräsident.
Letztes Jahr wurden Sendungen von zwei Berlusconi-Kritikern aus
dem „RAI“-Programm gestrichen. „Er hat die Grenzen
der Arroganz überschritten, Berlusconi baut die „RAI“
ab, um seine TV-Gesellschaften aufzubauen“, meinte Luciano
Violante, der Fraktionschef der oppositionellen Linksdemokraten
der Abgeordnetenkammer.
Die linke Bürgerbewegung „Girotondo“ unter der
Leitung des Regisseurs Nanni Moretti hatte in den vergangenen Monaten
Anti-Berlusconi-Demonstrationen veranstaltet. Die Bewegung will
gegen das Gesetzesprojekt des Ministerpräsidenten zur Stärkung
der politischen Immunität protestieren. Hochrangige Staatsvertreter
wie Ministerpräsident, Staatschef und Präsidenten des
Parlaments sollen während ihrer Amtszeit von Strafverfahren
ausgenommen sein.
Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ warnt in
einem Bericht vor Berlusconis großem Einfluss auf die Medien.
Als Hauptaktionär der Holding-Gesellschaft „Finninvest“
und seiner Tochter als Vizepräsidentin kontrolliert er die
Mediaset-Gruppe. Dazu zählen „Canale 5“, „Italia
1“, „Rette Quattro“ und die Werbeagentur „Publitalia
80“. Vizepräsident von „Mediaset“ ist sein
Sohn Piersilvio. Berlusconi ist Eigentümer der Verlagsgruppe
„Mondadori“ und kontrolliert mit seiner Tochter Marina,
die er als Präsidentin einsetzte, Italiens größtes
Nachrichtenmagazin „Panorama“. Die Opposition im italienischen
Parlament warnt vor einer „schleichenden Diktatur" und
beschuldigt Berlusconi, Vertrauenspersonen in Schlüsselpositionen
des Staatsfernsehens gestellt zu haben, um regierungskritische Stimmen
auszuschalten.
Anfang Juli übernimmt Silvio Berlusconi, der in Personalunion
Ministerpräsident, Medienunternehmer und Präsident des
Fußballvereins AC Milans ist, die Präsidentschaft der
Europäischen Union für sechs Monate. Der aus Italien kommende
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi kritisiert bereits im
Vorfeld des EU-Vorsitzes seinen Landsmann. „Ich bin wirklich
darüber empört, wie der Regierungschef das öffentliche
Fernsehen für seine persönlichen Zwecke ausgenutzt hat“,
sagte Prodi.
Tanja Rudolf |