Medien trainieren für EU-Fitness

Beim Endspurt zum EU-Beitritt am 1. Mai 2004 müssen die 10 Kandidatenländer auch für die EU-Fitness ihrer Medien sorgen. Aus den einstigen kommunistischen Propagandamaschinerien entstand im vergangenen Jahrzehnt bereits eine mehr oder weniger vielfältige Medienlandschaft – wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern aber noch sind, zeigt der heuer erstmals veröffentlichte Welt-Pressefreiheitsindex der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (RSF). Bewertet wurde nach Angaben von einheimischen Journalisten und Experten, Korrespondenten im Land und RSF-Mitarbeitern zu den Themen Zensur, Verletzungen der Medienfreiheit, staatliche Monopole und Regulationsbehörden.

Am besten im Rennen liegt Slowenien auf Platz 14 – immerhin zwölf Plätze vor Österreich, gefolgt von Ungarn (Platz 24). Der Generalsekretär der Southeast European Media Organisation (SEEMO), Oliver Vujovic, bestätigt die Vorreiterrolle Sloweniens in der Region: „Im Vorjahr stammten von mehr als 400 Anrufen auf unserer Helpline für bedrängte Journalisten nur 14 aus Slowenien.“ Ein bisschen trainieren sollte Slowenien aber noch für die EU-Fitness: „Die einseitige Berichterstattung vor der Abstimmung zum NATO-Beitritt hat gezeigt, wie groß der staatliche Einfluss auf die Medien noch immer ist“, kritisiert Vujovic. Auffallend an Slowenien ist die Medienvielfalt – für zwei Millionen Einwohner werden mehr als 600 verschiedene Printmedien produziert. Neue, bürgerliche Tageszeitungen konnten sich allerdings nicht etablieren - der Markt wird heute noch von der 1959 gegründeten Delo (=Arbeit) dominiert.

Gleich nach Österreich im RSF-Ranking kommt Polen. In der polnischen Verfassung ist seit 1997 Pressefreiheit garantiert und Zensur verboten. Nach wie vor ist allerdings der staatliche Einfluss auf das Fernsehunternehmen TVP enorm. Aber auch die katholische Kirche mischt eifrig mit: Neben dem vom Franziskanerorden betriebenen Fernseh-Sender TV-Puls gibt es das wegen rechtsextremer Aussagen äußerst umstrittene Radio Maryja, das nach Angaben des Senders täglich von mehr als zwei Millionen Menschen gehört wird. Wo die Interessen der Kirche beginnen hört in Polen das Recht auf freie Meinungsäußerungen auf: Jerzy Urban, Journalist bei der politisch-satirischen Wochenzeitung Nie (=Nein), wurde wegen Verleumdung angeklagt, weil er Papst Johannes Paul II. als „Breschnjew des Vatikan“ bezeichnet, und dem „netten alten Kauz“ geraten hatte, lieber daheim im Bett zu bleiben als „Spektakel“ zu veranstalten.

Noch weiter entfernt vom Ziel der EU-Fitness sind die tschechischen Medien: sie liegen auf Platz 41. Ganz Europa konnte vor zwei Jahren den siebenwöchigen Aufstand der TV-Journalisten gegen den vom heutigen Präsidenten Vaclav Klaus forcierten Fernsehdirektor Jiri Hodac mitverfolgen. Aber auch sein Nachfolger Jiri Balvin musste bald wieder gehen: Er hatte die Mitarbeiter in den Redaktionsräumen von versteckten Kameras überwachen lassen.

Ursula Jungmeier-Scholz

Index Pressefreiheit
(Quelle: Reporter ohne Grenzen)

1. Finnland, Island, Norwegen, Niederlande
14. Slowenien
17. USA
24. Chile, Ungarn
26. Südafrika, Österreich, Japan
29. Spanien, Polen
33. Kroatien
40. Italien
41. Tschechische Republik
99. Türkei

Mehr unter:
www.rsf.org
www.freemedia.at
www.seemo.at

 

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