Die Reputation der „New
York Times“, eine der vermeintlichen Gralshüterinnen
des hochwertigen Journalismus, ist schwer beschädigt. Jayson
Blair, ein 27- jähriger Reporter; soll systematisch Reportagen
erfunden haben.
Die Times selbst enthüllte den Betrugsskandal mit einem vierseitigen
Bericht in der Sonntagsausgabe vom 11. Mai 2003. Die Affäre
ist den Zeitungsmachern so unangenehm, ihre Aufklärung so wichtig,
dass sie selbst die Leser um Mithilfe bitten.
Am 1. Mai trennte sich die Redaktion von Blair. Seither ist eine
fünfköpfige Reportergruppe des Blattes daran, die Machenschaften
des ehemaligen Kollegen aufzuklären.
Dabei begann die Karriere des schwarzen Jungjournalisten beispielhaft.
1999 ergatterte der damalige College- Student ein Praktikum bei
der New York Times. Er fällt als begabter Vielschreiber auf,
dem allerdings viele Fehler unterlaufen. Diese werden intern zunächst
auf mangelnde Erfahrung und Sorgfalt zurückgeführt.
Als seine Fehler zur Routine und seine Erklärungen immer
fragwürdiger wurden, schreibt Lokalchef Jonathan Landman ein
E- Mail an seine Kollegen: „Wir dürfen Jayson nicht mehr
für die Times schreiben lassen. Ab sofort.“
Trotz der sich häufenden Warnungen wurde Blair von Chefredakteur
Howell Raines gefördert. Offensichtlich spielte die Hautfarbe
Blairs dabei eine wichtige Rolle. Als Weißer aus Alabama habe
er Blair wohl eine Chance zuviel gegeben, sagte Raines. Die Times
gilt als führende Streiterin für die bewusste Bevorzugung
ethnischer Minderheiten.
So durfte der Jungstar über die Washingtoner Heckenschützen
berichten und während des Irak-Krieges die Heimatfront beschreiben.
Er lieferte spektakuläre Berichte und erhält immer prominentere
Aufträge, bis die texanische Lokalzeitung „San Antonio
Express- News“ im April Plagiats Vorwürfe erhebt.
Insgesamt schrieb Blair in den Monaten seit Oktober Artikel, die
angeblich aus 20 verschiedenen Orten in sechs US- Bundesstaaten
kamen. Trotz seiner angeblichen Reisen reichte er keine Spesenabrechnung
ein. Es steht fest, dass Blair auch nie das Haus der Familie Lynch
in West Virginia gesehen hat, von dem aus er angeblich über
die Sorgen der in Kriegsgefangenschaft geratenen Tochter berichtet
haben will. Der Bericht enthielt zahlreiche Details über Emotionen
der angeblichen Gesprächspartner und eine Beschreibung der
Landschaft, die frei erfunden war. Mit einem Handy und einem Laptop
verschleierte er seinen Standort und hatte online Zugang zu den
Medien, von denen er abschrieb.
Bei einem Treffen der Redaktion trat auch das verlorene Vertrauen
in Chefredakteur Howell Raines zu Tage. Ein Reporter forderte sogar
den Rücktritt des Chefs. Und „New York Times“ Kolumnist
William Safire empfahl seinen Kollegen: „Lasst uns ein metaphorisches
kaltes Steak über unser blaues Auge legen und aus dem bestürzenden
Beispiel lernen - damit andere Journalisten im Land und in der Welt
weiter von uns lernen können.“
Christina Riedler
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